Offen über Wünsche und Erwartungen sprechen

Ist das denn zu viel verlangt?

Fußball ist mein Leben. Das ist vielleicht etwas übertrieben. Aber als Fan war für mich sonnenklar, dass ich möglichst alle Fußballspiele sehen wollte. Nur wie? Im Familienalltag ist es nicht immer leicht, sich entsprechende Freiräume zu schaffen. Die brauche ich, denn meine Frau teilt meine Begeisterung nicht.

Mein Problem war: Ich habe mit ihr nie darüber gesprochen, dass ich möglichst viele Spiele sehen wollte. Warum? Weil mir bewusst ist, dass auch andere Bedürfnisse eine Rolle spielen, den Fernseher einzuschalten, nämlich mein Wunsch nach Autonomie und Freiheit. Beides keine Werte, die einer Partnerschaft unbedingt förderlich sind.

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Ich fand es spannend, uns in dieser Zeit selber zu beobachten. Ich wusste intuitiv, wie meine Chancen standen, dass mein Partner auf meinen Wunsch eingeht. Doch je schlechter meine Quote war, je mehr dachte ich darüber nach, wie ich meinen Wunsch auch gegen Widerstände hätte durchsetzen können. Sollte ich meine Frau unter Druck setzen?

Glücklicherweise haben wir in 25 Ehejahren gelernt, frühzeitig offen zu reden und Kompromisse zu finden. Das war nicht immer so. Früher fiel es uns schwerer, ein ehrliches Gespräch zu führen. Das Ergebnis war immer dasselbe: Frustrationen, destruktive Verhaltensmuster, Verletzungen und zum Schluss Distanz – auf beiden Seiten.

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Jeder Mensch hat Wünsche und Bedürfnisse. Doch sind nicht alle gleich wichtig.

Mit manchen nicht erfüllten Wünschen kann man weiter leben. Wenn man ein Fußballspiel verpasst, geht die Welt nicht unter. Doch wenn die existenziellen Lebensbedürfnisse nicht erfüllt werden, kann es zu tiefen Verletzungen kommen. 

Und selbst wenn viele Wünsche erfüllt werden, heißt das nicht, dass damit auch die Bedürfnisse der Seele gestillt worden sind. Die Grundbedürfnisse sind z.B. Versorgung, Sicherheit, Liebe, Anerkennung und Wertschätzung.

Einen weiteren Wunsch von mir habe ich bereits genannt: Autonomie. Ich wünsche mir aber auch gemeinsame Zeit, echtes Interesse, ungeteilte Aufmerksamkeit, gute Kommunikation, Verständnis, Wertschätzung, Mithilfe, Zuwendung, Vertrauen, Ehrlichkeit, gemeinsame Lebensziele, persönliche Freiheit / Freizeit, Eigenständigkeit, gemeinsame Unternehmungen, Treue und erfüllte Sexualität. Ist es zu viel verlangt, dies alles vom Partner zu erwarten?

Dazu ein klares Jein. Jeder Mensch erhofft sich natürlich, dass in einer Partnerschaft seine Sehnsüchte und Wünsche erfüllt werden. Deshalb heiratet man. Aber viele Menschen sind sich ihrer Bedürfnisse und Wünsche gar nicht bewusst oder können sie nicht mitteilen. Im Blick auf meine Fußballleidenschaft wäre es sicher hilfreich gewesen, mit meiner Frau frühzeitig einen Konsens zu suchen.

In unserer Ehe hatten wir schon manchen unnötigen Streit, weil meine Frau nicht wusste, was ich mir von ihr wünschte. Trotzdem habe ich reagiert, als ob sie es wissen müsste. Offenbar gibt es ähnliche Kommunikationsprobleme auch anderen Beziehungen.

Wir hören immer wieder davon. Da fangen dann Partner an, sich zu manipulieren und die Erfüllung von Wünschen einzu-fordern, von denen der andere nichts weiß. Die Folge ist ein Kreislauf von Erwartungen, Enttäuschungen, Verletzungen, Schuldzuweisungen und Distanz. Es muss hier deutlich gesagt werden: Obwohl wir verheiratet sind, haben wir keine Rechte aneinander.

Das Ziel einer Ehe ist es, für den anderen da zu sein.

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Es geht nicht darum, dass der Andere für mich da ist. Bedürfnisse und Wünsche müssen freiwillig erfüllt werden. Das ist ein deutliches Zeichen echter Liebe und Freundschaft.

Das bedeutet aber nicht, dass wir den Partner nicht an unsere Wünsche erinnern dürfen, ganz im Gegenteil. Doch auf Druck und Manipulation sollte dabei verzichtet werden, sonst kann die Liebe sterben. Lernen wir zu unterscheiden zwischen dem, was nur Gott uns geben kann, und dem, was wir vom Partner erwarten können!

Unrealistische Erwartungen sollten vermieden werden.

Christof Matthias