Kinder: intensives Leben und Geduldsproben

Nur kein Stress!

Wenn man mich früher fragte, was denn meine Stärken sind, zählte ich immer Geduld zu meinen Qualitäten. Es gab kaum Dinge, die mich in Stress versetzten. Doch wie gesagt, dass war „früher“.

Damals war das Wichtigste für mich, Geld zu verdienen um damit meine riesige Reiselust zu befriedigen. Dafür arbeitete ich oft 60 h in der Woche. Auf einer dieser Reisen, in Laos lernte ich dann meine Liebe des Lebens kennen. Er war Österreicher und nach 4 Jahren Fernbeziehung, die mich oft viel Geduld gekostet haben, zog ich nach Österreich und wartete dann noch 5 Jahre, bis auch für meinen Mann die Zeit reif war, um zu heiraten.

Jetzt haben wir 3 kleine, süße, unglaublich lebendige „Herausforderungen“, die dafür sorgen, dass Seiten in meinem Leben auftauchen, die weder ich noch sonst wer bisher kannte.

Auf unseren Reisen hatte meine Geduld nie ihre Grenzen erreicht, obwohl es immer wieder eine Herausforderung war, wenn wir oft Stunden auf einen Bus gewartet haben oder Tage gewartet haben, bis eine Landesgrenze geöffnet wurde.

Die perfekte Familie?

Nichts konnte meine Geduld erschüttern doch jetzt ist alles anders…

Unsere Seifenblasenträume von der “perfekten Familie”, mit mir als ewig geduldige, glückliche Mutter, unseren dankbaren, ausgeglichenen Kindern und meinem zufriedenen Ehemann, der viel Zeit mit seinen Kindern verbringt und mich täglich wertschätzt, genauso wie ich ihn, sind geplatzt und einer Realität gewichen, die ganz anders aussieht.

Wo ist mir nur meine Geduld abhanden gekommen?

Die erste Seifenblase zerplatzte, als mein erster Sohn statt der geplanten sanften Geburt nach 50 Stunden Wehen alles andere als sanft zur Welt kam und die ersten 8 Monate durchschrie. Ich verstehe, wenn Eltern alles machen, um ihr Baby zum Schlafen zu bringen und kenne alle Tricks wie z.B. das Staubsauger-Geräusch auf YouTube (sehr zu empfehlen) und habe alle Ratschläge ausprobiert.

Die Konsequenz war, dass ich mich mit diesen „Rat-Schlägen“ wie geschlagen fühlte und überzeugt war, als Mutter völlig inkompetent zu sein.

Geduld am seidenen Faden

Die Geduld in meinem Leben muss sich wohl schon bei der ersten Geburt verabschiedet haben, denn in dieser Zeit, konnte ich sie trotz vielerlei Bemühungen nicht mehr finden.

Meinem ersten Sohn folgten noch 2 weitere Söhne und mein Leben hat nichts mehr mit dem vor 10 Jahren zu tun. Damals, auf einem idyllischen Strand liegend, hätte ich nie gelernt, was „geduldig sein“ bedeutet. Doch wie schon die Bibel sagt: „ Alles hat seine Zeit….!“

Heute weiß ich, dass meine Geduld nicht verschwunden ist, sie erreicht aber fast täglich ihre Grenzen. Sei es, wenn ich meine Bitten an die Kinder gefühlte 100 mal wiederhole, mich die Abendroutine bis sie endlich im Bett liegen 2 Stunden kostet, obwohl ich vorher schon fix und fertig war oder ich so gut wie nie vollende, was ich mir für diesen Tag vorgenommen habe, weil ich ständig unterbrochen werde.

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Mein Alltag ist eine Herausforderung, doch ich habe erlebt, dass sich Grenzen nur erweitern, wenn man an der Grenze lebt so wie ein Gummiring, der sich nur dehnt, wenn er in maximaler Spannung ist oder ein Tongefäß, dass von Gott geformt wird, wenn es Druck von innen (= fehlende Geduld, Liebe, Barmherzigkeit…) und Druck von außen (= meine Kinder und ein müder, abgekämpfter Ehemann der von mir die Ermutigung braucht, die ich mir von ihm wünsche) erlebt.

Ich lerne mit meinen täglichen Herausforderungen umzugehen und habe erkannt, dass dies ein sich ständig ändernder Prozess ist. Beim Umgang mit dieser Spannung haben mir einige gute Bücher geholfen und Freunde, die Verständnis hatten.

Ich kenne jetzt – mit Hilfe meiner 3 kleinen Spiegel namens Joshua, Aaron und Noah – meine Stärken und Schwächen besser denn je und bin demütig geworden.

Vergebung als Schlüssel

Obwohl ich keine Zeit habe, um meine Beziehung zu Gott stundenlang zu pflegen, ist er ganz nah bei mir und lehrt mich ganz praktisch in meinem Alltag was IHM wichtig ist. Eines davon ist die Vergebung, die ich intensiv und täglich umzusetzen lerne.

Egal ob ich den Kindern etwas vergeben muss und gedanklich jeden Tag bei Null anfange, also ohne das Negative vom Vortag wieder aufzuwärmen, oder meinem Mann, der nicht immer so reagiert, wie ich es mir wünsche. Ich lerne auch mir selbst zu vergeben, dass ich nicht die perfekte Mutter bin, die ich so gern wäre.

Weiters übe ich täglich, meine Lieben um Vergebung zu fragen, wenn mir etwas misslungen ist und empfange von ihnen Vergebung, die von Herzen kommt. Dabei bewundere ich meine Kids, denen es so leicht fällt, mir zu vergeben. Mir fällt dies nicht immer leicht.

Mit Gott im Praktikum

Gott macht mit mir ein Intensivpraktikum und ich denke, damit bin ich 100% in seinem Willen, denn Jesus war auch ein praktischer Mann, der sofort reagierte, wo Hilfe gebraucht wurde und keine Zeit damit verbrachte, sich Seifenblasen zu erträumen.

Wenn mich heute jemand nach meinen Stärken fragt, zähle ich Geduld nicht mehr dazu. Aber Gott ist in den Schwachen mächtig und so weiß ich auch, dort wo meine Geduld endet, fängt seine erst an. Aus seiner Gnade will ich leben und sein Geist will mir die Geduld schenken, die über mein Vermögen hinausgeht. Danach strecke ich mich aus, Tag für Tag.

Eure Gemma Unger