Die Stadt, die Weihnachten vergessen hatte

Sie hatten Weihnachten vergessen. Einfach vergessen.

Und sie hatten die Liebe vergessen. Einfach vergessen.

Und es war kalt geworden in ihrer Stadt.

Nicht nur im Winter. Jeder dachte nur an sich.

Den eigenen Vorteil. Das eigene Weiterkommen.

Wer dabei im Weg war, wurde erbarmungslos beiseite geschoben.

Bis sich an einem Sommertag ein alter Holzschnitzer in der Stadt niederließ. Der kannte Weihnachten noch. „Wie lange willst du hier bleiben?“ fragte ihn der Bürgermeister. „Nicht lange“ antwortete der Schnitzer. „Nur bis Weihnachten.“

Doch weder der Bürgermeister noch die Leute in der Stadt wussten, was das war, Weihnachten. Der Holzschnitzer war anders als alle. Freundlich, hilfsbereit, liebevoll. Das fiel zuerst den Kindern auf. „Warum bist du so anders?“ fragten sie ihn. „Weil ich Weihnachten kenne!“ antwortete er.

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Und dann nahm er zum ersten Mal die Kinder mit in seine Werkstatt. Dort entdeckten sie eine neue unbekannte Welt. Eine ganze Weihnachtslandschaft entstand gerade. Geschnitzte Engel, Hirten, Tiere, Eltern und ein Kind in der Krippe.

Und er fing an zu erzählen. Von Weihnachten. Von dem Gott, der seine Menschen in ihrer kalten Welt so liebte, dass er sich zu ihnen aufgemacht hatte. Die Kinder hörten mit großen staunenden Augen und Ohren zu. Offenbar, war Gott so einer wie der Holzschnitzer: Freundlich. Hilfsbereit. Liebevoll.

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Dem Bürgermeister und seinen Leuten wurde die Angelegenheit allmählich unheimlich.

Ihre Macht schien in Gefahr. Also veranstalteten sie eine Razzia, waren dabei aber sehr ungeschickt. Der Holzschnitzer ließ sich nicht einschüchtern.

Und die Kinder schon gar nicht. Sie hatten verstanden: Liebe ist stärker als Hass.

Die Weihnachtsfreude hatte sie längst in ihren Bann gezogen.

Zu Hause erzählten sie von der wundersamen Holzwelt in der Hütte des Schnitzers.

Und von der wundersamen Geschichte, die sie zeigte. Und dass man noch helfende Hände brauchte. Damit die Krippenlandschaft rechtzeitig fertig werden würde. Und viele Erwachsene machten mit. Neugierig erst. Aber dann mit wachsender Begeisterung.

Schließlich war es soweit: In wenigen Tagen sollte die Weihnachtswelt auf dem Marktplatz ausgestellt werden. In wenigen Tagen war nämlich Weihnachten. Der Bürgermeister und seine Leute versuchten alles, um das zu verhindern. Sie beschlossen das Baby zu stehlen. Denn soviel hatten sie verstanden: Ohne das Baby gibt es kein Weihnachten. Der Plan gelang. Scheinbar.

Der Holzschnitzer hatte die Stadt vorher verlassen. Hoffnungsvoll, dass die Menschen dort die Weihnachtsgeschichte verstanden hatten. Seine Mission war erfüllt. Nun mussten die Menschen selber entscheiden, ob es endlich wieder Weihnachten werden sollte in ihrer Stadt.

Das aber war keine Frage mehr. Denn auf geheimnisvolle Weise war es anders geworden in der Stadt. Die Menschen waren freundlicher. Hilfsbereiter. Liebevoller. Weihnachten hatte schon jetzt ihre Herzen verändert und ihre Stadt. Weil das geschnitzte Baby verschwunden blieb, legten sie beherzt ein lebendiges Kind in die Krippe.

Und feierten Weihnachten. Zum ersten Mal. Doch bestimmt nicht zum letzten Mal.

 Jürgen Werth